Erste Pläne der Ampelkoalition: Kommt die Aktienrente?

Renten und die gesetzliche Rentenversicherung zählen zu den größten Baustellen der neuen Bundesregierung. In den Wahlprogrammen der Ampelparteien war noch vom Umbau zu einer Bürgerversicherung und einer Aktienrente nach schwedischem Vorbild die Rede. Im fertigen Koalitionsvertrag blieb davon wenig übrig und schon kommt Kritik von Rentenexperten. Sie halten die Pläne für unzureichend. Echte Reformen der Rentenversicherung oder gar eine Aktienrente bleiben Zukunftsmusik.

10.01.2022
  • Lesezeit ca. 3:30 Minuten
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  • 10.01.2022
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Rente für ältere Menschen
© Khongtham/www.shutterstock.com

Mit der seit 1957 genutzten Umlagefinanzierung kommt die deutsche Rentenversicherung schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr aus. Jahr für Jahr werden immer höhere Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt notwendig. Von den jährlichen Ausgaben der Rentenversicherung in Höhe von knapp über 300 Milliarden Euro musste der Bund zuletzt rund ein Drittel beisteuern.

Zunehmend mehr Rentner und weniger Beitragszahler dürften die Finanzierungslücke schon ab Mitte der 20er-Jahre noch einmal spürbar verschärfen. Das alles ist seit Langem bekannt und so waren alle Parteien vor der Bundestagswahl 2021 gefragt, Lösungen zu präsentieren. So sehen jetzt die der Ampelkoalition konkret aus:

Die Rente im Koalitionsvertrag

  • Gesetzliche Rente, der Generationenvertrag und damit die Umlagefinanzierung bleiben weiterhin die wichtigste Säule.
  • Das Mindestrentenniveau von 48 Prozent (vor Steuern) soll dauerhaft gesichert werden.
  • In der laufenden Legislaturperiode soll der Rentenbeitragssatz unter 20 Prozent gehalten werden (2021: 18,6 Prozent).
  • Das Renteneintrittsalter 67 Jahre bleibt.
  • Zukünftig sollen ebenso Freiberufler und Selbstständige in die Versicherung einzahlen, falls sie nicht privat vorsorgen.
  • Die Rentenversicherung erhält 2022 aus dem Bundeshaushalt einen zusätzlichen Kapitalstock von zehn Milliarden Euro.
  • Dieser wird von einer unabhängigen staatlichen Stelle verwaltet und die kann global in verschiedenen Anlageformen investieren.
  • Ein öffentlich verwalteter Fonds für die private Altersvorsorge soll diese weitere Säule der Rente wieder attraktiver machen.

Die Übersicht zeigt schnell: Eine echte Aktienrente wird es vorerst nicht geben. Stattdessen kommt lediglich ein Einstieg in die Kapitaldeckung der Rentenversicherung. Wo liegt der Unterschied?

Das schwedische Modell und die deutschen Pläne

Mit dem neuen Jahrtausend wurde in Schweden aktienbasierte Altersvorsorge ein fester Teil der Rentenversicherung. Der Rentenversicherungsbeitrag blieb bei 18,5 Prozent, allerdings flossen ab jetzt bei allen Arbeitnehmern 2,5 Prozent automatisch und verpflichtend in Aktienfonds. Dabei hatten und haben die Schweden die Wahl zwischen einigen Hundert Fonds – meist privaten – und dem staatlichen Fonds AP7. Dieser ist mit Abstand der beliebteste. Über fünf Millionen Schweden vertrauen dem AP7, denn seine Performance kann sich sehen lassen. Rund elf Prozent jährliche Rendite erzielten die staatlichen Fondsmanager im Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte – und verlangten dafür gerade einmal 0,1 Prozent Verwaltungsgebühr im Jahr.

Naht das Rentenalter werden die Anteile zukünftiger Senioren Stück für Stück in risikoarme Investments umgeschichtet, um die Rentenzahlungen nicht durch eventuelle Börsenturbulenzen zu gefährden. Ähnliche Modelle gibt es schon länger in Japan oder den USA. Auch die Norweger unterhalten ihren gigantischen Staatsfonds unter anderem für Rentenzahlungen. Dieser Fonds hatte zuletzt einen Wert von etwa 1,1 Billionen Euro und erzielte allein im ersten Halbjahr 2021 einen Zuwachs von 95 Milliarden Euro – für jeden Norweger ein Plus von 17.000 Euro. Im ersten Corona-Jahr 2020 sah die Bilanz schlechter aus. Am Ende stand damals ein Minus von 18 Milliarden Euro. Trotz solcher Schwankungen konnten dieser und andere staatliche Fonds über längere Zeiträume aber immer Erfolgsgeschichten schreiben.



So erscheint es umso verwunderlicher, dass es in Deutschland bis zum Bundestagswahlkampf 2021 gedauert hat, bis mit den Freien Demokraten erstmals eine Partei den Schritt in die Aktienrente anpeilte. Dabei wollten sich Parteichef Christian Lindner und andere FDP-Politiker klar am schwedischen Modell orientieren. In den Koalitionsverhandlungen konnten sie sich damit offensichtlich nicht durchsetzen, denn eine solche Aktienrente kommt auf absehbare Zeit nicht. Über die Gründe lässt sich zum Jahresende 2021 nur spekulieren. Eine naheliegende mögliche Erklärung: Wenn in Kürze beispielsweise zwei oder zweieinhalb Prozent Rentenbeitrag nicht mehr in die Umlagefinanzierung fließt, wächst dort der Bedarf an staatlichen Zuschüssen noch einmal überproportional an. Stattdessen setzt die Ampelkoalition mit einer teilweisen Kapitaldeckung nur auf einen kleinen Schritt.

Erste Kapitaldeckung in der deutschen Rentenversicherung

Die anfänglichen zehn Milliarden Euro Investitionskapital kommen ebenfalls aus der Staatskasse. Wer sie am Ende verwaltet, ist noch unklar. Einzelne Investitionen dieser Stelle sind nicht auf Aktien beschränkt. Ebenso sind Immobilien- oder Infrastrukturinvestments denkbar. Hier gibt es dann sogar in Deutschland ein Beispiel oder Vorbild, das zeigt, was mit einem solchen Fonds möglich ist: KENFO – der Fonds zur Finanzierung der Kerntechnischen Entsorgung. In ihn zahlten Kernkraftbetreiber 2017 einmal 24,1 Milliarden Euro ein. Bis Mitte 2021 erwirtschaftete der Fonds mit diversen Investments einen Wertzuwachs von knapp über zehn Prozent.

Bei entsprechender Entwicklung der Kapitalmärkte könnte auch die teilweise Kapitaldeckung der Rentenversicherung eine ähnliche Performance erzielen. Mit ihrem noch geringeren Volumen würde sie damit trotzdem kaum die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Rentenversicherung lösen. Dem ersten Testballon müsste dafür schon bald ein weitaus größerer Einstieg in die Kapitaldeckung folgen. Hier wie beim Umbau der privaten Altersvorsorge mit dem Ende der gescheiterten komplizierten, zu teuren Riesterrente kommt es außerdem auf den Faktor Zeit an. Statt Riester soll nun ein kostengünstiger öffentlicher Fond folgen. Er wird zunächst geprüft. Ein konkretes Datum oder die Zeitangabe 2022 wie bei der Kapitaldeckung fehlt hier jedoch komplett.

Damit lässt sich zusammenfassen: Auch mit der neuen Bundesregierung wird es so schnell nichts Neues in Sachen Rente geben. Einzig Freiberufler und Selbstständige könnten sich schon kurzfristig einer Beitragspflicht oder der Pflicht zur privaten Altersvorsorge gegenübersehen

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